Berliner Oberschüler essen Döner für gute Noten

Zu sechst sitzen die Neuntklässler an zwei Tischen im Hisar-Imbiss an der Yorckstraße (Kreuzberg). Jeder der Schüler hat einen Döner in der Hand.

Basti (15) will reinbeißen. Aber Lennart hält ihn in letzter Sekunde auf. „Alter, erst mal ein Foto machen!“ Schließlich sind die Jugendlichen nicht zum Spaß hier. Das Döner-Essen gehört zum Schulunterricht.

Aus Döner-Genuss wird Schreibkompetenz 

Wie passen Fleischspieß, Knoblauchsauce und Schullehrplan zusammen? „Ganz einfach. Die Schüler trainieren damit ihre Schreibkompetenz“, sagt Franziska Geipel (32), Deutsch- und Geschichtslehrerin an der Carl-Zeiss-Oberschule in Lichtenrade.

Sie hat die „Döner-Tasting“-AG ins Leben gerufen. Mit Erfolg. Allein in diesem Halbjahr hat der Kurs schon sechs Dönerbuden besucht. Jedes Mal machen sich die Schüler schon während des Essens kurze Notizen zur Qualität des Döners und zum Ambiente des jeweiligen Ladens.

Nach dem Essen kommt die Kritik

Im Anschluss müssen sie dann eine mindestens einseitige Gastro-Kritik verfassen. „Die Jugendlichen lernen neue Begriffe, beginnen dadurch sich mit verschiedenen Wörtern auszudrücken. Mit der Zeit wird ihr Ausdruck besser, sie werden mutiger, was ihre Sprache angeht“, so Lehrerin Geipel.

Basti legt noch mit vollem Mund los: „Der letzte Döner war einer Kritik nicht würdig. Dieser hier ist besser.“ Haben die Jugendlichen schon jemals mehr als eine Seite vollgeschrieben? Die meisten schütteln den Kopf.

Freiwillig, außerhalb der Schule, sowieso nicht. „Ich schreibe WhatsApp“, sagt Simon (14). „Nee, nicht mal. Ich verschicke nur Sprachnachrichten“, so Jean (14). Vom Schreiben zum Lesen ist es nicht weit.